Montag, 1. Mai 2017

Francesco Spampinato – Art Record Covers (2017)

Seit den Siebzigerjahren, als ich die Musik für mich entdeckte, liebe ich LPs nicht nur wegen der Klänge, die eine feine Nadel dem meist schwarzen Vinyl entlockt, sondern zugleich wegen der vielfältig gestalteten Cover. Und bisweilen setzt sich die Kreativität im Inneren fort. Klappcover und die Schutzhüllen (Sleeves) der LPs bieten viel Platz dafür. Mitunter erfreuen den Sammler weitere Extras wie der echte Reißverschluss zum Auf- und Zuziehen auf dem Cover des Rolling-Stones-Albums „Sticky Fingers“ (1971), der Umschlag mit Fotos und einem Konzertplakat bei „The Who Live At Leeds“ (1970) oder das ausklappbare Schutzschild bei „Warrior On The Edge Of Time“ von Hawkwind (1975). Bemerkenswert ist auch das Dreifachalbum „Lotus“ von Santana (1974), welches den Fans als opulentes Gesamtkunstwerk mit zwei vierteiligen Postern reichlich zu blättern, zu gucken und zu staunen gibt. Es wurde entworfen von Tadanori Yokoo, der am Design von vier Santana-Alben beteiligt war.

Schallplattencover sind ein faszinierender Zweig der Gebrauchskunst. Sie müssen zur Musik und zur Identität der Musiker passen und obendrein vielleicht deren Logo oder andere Erkennungsmerkmale tragen wie die leckende Zunge („Tongue and Lips“) der Rolling Stones, den geschwungenen Schriftzug von Chicago, den Skarabäus von Journey oder die vier senkrechten Balken von Electric Flag.

© Taschen-Verlag
Kein Wunder also, dass ein Buch mit dem Titel „Art Record Covers“ von Francesco Spampinato und Julius Wiedemann aus dem Taschen-Verlag sofort mein Interesse weckt. Sein Name lässt erwarten, dass es Cover präsentiert, bei denen die Betonung eher auf Kunst als auf Gebrauch liegt. Sein Steckbrief: Hardcover mit stabilem Schutzumschlag – 30 x 30 cm groß – 4,5 cm dick – 449 Seiten stark – über 3,8 kg schwer – viel hochwertig anmutendes Material also für 49,99 Euro.

© Taschen-Verlag
Ich schau hinein und stelle fest: Kunst muss nicht schön sein. Mehr noch… Kunst darf oftmals nicht schön sein. Sie verpackt ja nicht immer nur Entspannungsmusik und eingängige Sounds, sondern häufig Punk, Rap, Metal, Independent Music und ähnliches – zornige, laute, anklagende, kritische, grenzwertige oder experimentelle Klänge. Analog dazu sollen die Cover aufrütteln, verstören, erschrecken, abstoßen, verwundern, nachdenklich oder neugierig machen. All das findet man hier. Hübsche Cover bietet „Art Record Covers“ ebenfalls, doch die sind klar in der Minderheit. Stattdessen: Kunst an den Grenzen der Kunst für Musik an den Grenzen der Musik.

Neben mehr als 500 Plattencover enthält das Buch auf den ersten 69 Seiten auch einigen Text – jedes Kapitel nacheinander in Englisch, Deutsch und Französisch abgedruckt und mit Beispielen illustriert. Eine Einleitung skizziert die Geschichte von anfänglich schlichten Kartonhüllen zu den heutigen Kunstwerken. Ihr folgen Interviews mit Tauba Auerbach, Shepard Fairey, Kim Gordon, Christian Marclay, Albert Oehlen und Raymond Pettibon – allesamt Künstler, die zahlreiche Cover entworfen haben und teilweise auch selbst Musiker sind. Das Blättern im bunten Buch ist schon reizvoll. Doch erst die Interviews wecken Verständnis für die Kunst und die teils schrägen Motive. Indem die Künstler über ihre Zusammenarbeit mit Musikern und die Entstehung von Covern berichten und uns an ihrer persönlichen Entwicklung teilhaben lassen, fügen sie ihren Grafiken eine weitere Dimension hinzu und füllen sie erst mit Leben.

Wir finden hier die persönliche Auswahl von Francesco Spampinato, Kunsthistoriker und zur Zeit an der Universität Sorbonne Nouvelle in Paris tätig, und Julius Wiedemann, Grafikdesigner und Kunstredakteur. „Die Intention dieses Buches ist (…), das Plattencover als vollkommenes Medium für einen erweiterten Kunstbegriff zu präsentieren“, schreibt Spampinato. Aber nicht nur Randbereiche sind vertreten, sondern auch prominente Künstler wie Joseph Beuys, Salvador Dali, Roy Lichtenstein, Henri Matisse, Joan Miró, Pablo Picasso, Gerhard Richter, Victor Vasarely, Andy Warhol und Ai Weiwei. Von Andy Warhol stammen neben etlichen anderen das John-Lennon-Album vorne auf dem Buch sowie die bekannten und ebenfalls formatfüllend abgebildeten Cover von Velvet Unterground and Nico mit der Banane und das bereits erwähnte „Sticky Fingers“ der Rolling Stones. Daher sagt Spampinato auch zutreffend: „Jeder kann sich seine Kunstsammlung aufbauen, denn viele der Platten sind günstig auf dem Flohmarkt, in Plattenläden oder online erhältlich.“

© Taschen-Verlag
Ich kann „Art Record Covers“ jedem Musikfreund empfehlen, für den Musik mehr ist als nur MP3-Downloads – jedem, der sich auch für die Albumkunst interessiert und mehr über ihre Hintergründe erfahren möchte. Darüber hinaus dürfte dieses Werk zeitgenössischen Künstlern durch seine Vielfalt und Bandbreite der künstlerischen Ideen mancherlei Anregungen bieten.

Dienstag, 4. April 2017

The Magic of Santana featuring Alex Ligertwood & Tony Lindsay – Live In Spain 2016 (CD 2017)

Auch Spanier mögen Santana-Musik – sehr sogar. Und wenn Carlos sich dort jahrelang nicht blicken lässt, freuen sie sich über die großartige Tributeband The Magic of Santana in Begleitung der beiden ehemaligen Santana-Sänger Alex Ligertwood und des mit elf Grammys ausgezeichneten Tony Lindsay. Sie kommen dem Original erstaunlich nah. Davon kann man sich bei jedem Konzert überzeugen. Und eindrucksvoll demonstrierten sie dies auch auf ihrer Spanientour im Januar und Februar 2016, als sie diverse Hallen zum Kochen brachten und die Fans begeisterten.


Mehr als 73 Minuten an feurigem Beweismaterial aus verschiedenen Konzerten befinden sich nun auf ihrer frisch erschienenen ersten CD "Live In Spain 2016“ (auch als MP3-Download verfügbar). Das sind die folgenden elf Titel:

1. Wham! (Live in La Nucia)
2. É Papa Ré (Live in La Nucia)
3. Somewhere In Heaven (Live in Murcia)
4. Maria Maria (Live in Murcia)
5. Europa (Live in Alicante)
6. She’s Not There (Live in Castelló de la Plana)
7. Black Magic Woman (Live in Alicante)
8. Gypsy Queen (Live in Alicante)
9. Oye Como Va (Live in Alicante)
10. Open Invitation (Live in Castelló de la Plana)
11. Jingo Lo Ba (Live in Castelló de la Plana)

Wie soll man "Wham!" übersetzen? "Rumms!" vielleicht – und das passt, denn der Song ist ein Kracher. Ihn so originalgetreu hinzukriegen, bei all der komplexen Percussion, ist eine echte Herausforderung. The Magic of Santana meistert sie bravourös. Muchas Gracias Jürgen Pfitzinger, Andreas Rohde, Pablo Escayola und Oliver Steinwede. Und dann beginnt "É Papa Ré", wie man es vom Santana-Album "Zebop!" kennt, einschließlich der Stimme von Alex Ligertwood. Einfach genial. Nur die Band ist eine andere, obwohl sie praktisch genauso klingt wie Santana. "É Papa Ré" und der folgende Song sind übrigens von Alex mitkomponiert. "Somewere In Heaven" ist dem drei Monate zuvor verstorbenen Raul Rekow gewidmet, der 37 Jahre lang bei Santana Congas spielte und der seine letzten Konzerte zusammen mit The Magic of Santana, Alex Ligertwood und Tony Lindsay gab. Sehr gefühlvoll und bewegend rufen die Stimmen von Alex und Tony und die Gitarre von Gerd Schlüter ihm nach.

Raul war bei Santana auch für die afrikanischen Chants zuständig. Das "Ahora Venga Mama Chola Mama Chola" bei "Maria Maria" ist beispielsweise von ihm. Der Song stammt vom Album "Supernatural" (1999), mit dem er, Tony Lindsay und die anderen Santana-Musiker die erwähnten elf Grammys abräumten.

Doch zurück zu älteren Songs. "Europa" mit einem schönen Gitarren-Dialog von Gerd Schlüter und Olli Schröder geht unter die Haut und bezaubert das Publikum. Bei "She's Not There" setzen sich auch Keyboards und Hammondorgel von Chris Haertel fein in Szene. Und natürlich das Percussion-Ensemble. Dabei zupft Martin Hohmeier stets akkurat den Bass und trägt seinen Teil zum überzeugenden Groove bei.

Umwerfend ist die trimagische Songstafette "Black Magic Woman/Gypsy Queen/Oye Como Va". Gesondert hervorgehoben sei hier ein schönes Duett zwischen Bass und Congas bei "Gypsy Queen". Einfach klasse! Bei "Oye Como Va" darf natürlich ein kleiner Ausflug zu "Owner Of A Lonely Heart" von Yes nicht fehlen, der bei Santana ebenfalls üblich ist. Den Abschluss bilden ein furioses "Open Invitation" sowie "Jingo Lo Ba" von Santanas Debütalbum (1969). Donnernde Percussion und ein wummernder Bass reißen den Hörer mit, bevor die Hammondorgel einsetzt, gefolgt von den ersten Chants. Gitarren kommen erst relativ spät hinzu. Das Original von Babatunde Olatunji (1959) besteht sowieso nur aus Percussion und Chants.

Insgesamt bringt die CD ungezügelte Spielfreude rüber, wie sie für The Magic of Santana typisch ist und wie sie offenbar das heißblütige spanische Publikum berauscht hat. Obendrein ist der Sound transparent abgemischt. Ich bin der Meinung, jedes einzelne Instrument hören zu können. Auch die Tontechniker haben also einen prima Job abgeliefert. Und die abschließenden Choräle des Publikums klingen wie im Fußballstadion… da ist Spanien ja sowieso nicht schlecht aufgestellt…

Die Jungs haben soviel Eindruck hinterlassen, dass die nächste Spanientour für November 2017 bereits vorbereitet wird.

Mittwoch, 22. März 2017

CD-Release-Party mit Alex Ligertwood und Tony Lindsay in Buchholz

Buchholz in der Nordheide – 16. März 2017 – am Abend eines sonnigen Vorfrühlingstages. Es ist die Party zur Veröffentlichung der soeben erschienenen CD "Live In Spain 2016". Und es soll ein verkürztes Set werden – mit Live-Stream auf YouTube und Videodreh für eine neue DVD, der ich erwartungsvoll entgegenfiebere. Aber dann kann The Magic of Santana mit den langjährigen Santana-Sängern Alex Ligertwood und Tony Lindsay es doch mal wieder nicht lassen – und niemand, der sie kennt, wundert sich. Wie gewohnt packt Spielfreude die Musiker vor dem begeisterten heimischen Publikum, vor Freunden und Fans. So kommt zur Zugabe eine weitere Zugabe – und am Ende dauert das Konzert geschlagene eindreiviertel Stunden. Kürzer zwar als normal, aber weitaus länger als für diesen speziellen Abend geplant.

The Magic of Santana sind Gerd Schlüter (Gitarre), Andreas Rohde (Timbales, Percussion), Jürgen Pfitzinger (Congas, Percussion), Pablo Escayola (Congas, Percussion), Oliver Steinwede (Schlagzeug), Martin Hohmeier (Bass), Olli Schröder (Gitarre) und Jens Skwirblies (Hammond, Keyboards). Dazu die Special Guests Alex Ligertwood (Gitarre, Gesang) und Tony Lindsay (Gesang), die viele Jahre lang Mitglieder von Santana waren und die The Magic of Santana unter anderem auf der Spanien-Tour 2016 begleitet haben.

Es war – wie immer – ein magischer Abend. Wir schwebten… und es dauerte Stunden, bis meine Lieblingsfotografin und ich lange nach dem Genuss der neuen CD und zu reichlich fortgeschrittener Zeit wieder sanft auf der Erde landeten…

Alex Ligertwood
Tony Lindsay
Gerd Schlüter
Jürgen Pfitzinger
Andreas Rohde
Jens Skwirblies
Martin Hohmeier
Oliver Steinwede
Olli Schröder
Pablo Escayola (links)
Langjährige Santana-Sänger
Saitenweise Musik
Pecussion-Power

Sonntag, 5. Februar 2017

Santana – Corazón (2014)

"Corazón" (Herz) ist Carlos' erstes Album nahezu komplett in Spanisch. Nun, mir persönlich ist die Sprache relativ egal, solange die Musik gut ist, was durchweg der Fall ist. Einige Titel möchte ich jedoch herausheben.


"Oye 2014" bietet eine interessante Auffrischung des von Tito Puente geschriebenen Santana-Hits "Oye Como Va" (1970). Songsamples werden begleitet von Gesangs- und Rapeinlagen von Jovany Javier und Ximena Muñoz sowie einem neu eingespielten Gitarrensolo von Carlos. Den Mix (und auch diverse andere auf diesem Album) hat Tony Maserati erstellt. Auch das von Bob Marley stammende "Iron Lion Zion" wird teilweise gesampled. Anders das wehmütige "Una Noche En Nápoles" – im Original "Una Notte A Napoli" von Pink Martini – hier gesungen von Lila Downs, Niña Pastori und Soledad und begleitet von Carlos Santana mit einer 12-saitigen Akustikgitarre. Es erzählt von dieser traurig-schönen Nacht unter dem Mond und am Meer Neapels, in der ein Engel ihr Herz brach und sie im Himmel verließ. Das intensive "Yo Soy La Luz" (Ich bin das Licht) mit Wayne Shorter am Saxophon beginnt gefühlvoll und kulminiert mittendrin in einer wilden musikalischen Orgie. "I See Your Face" – ein kurzes Instrumental zum Abschluss – ist einfach eine berührende Liebeserklärung.

"Corazón" ist das letzte Album mit Raul Rekow. Er verlässt Santana im Sommer 2013 nach 37 Jahren. Am 1. November 2015 erliegt er im Alter von nur 61 Jahren einem Lungenkrebsleiden.

Sonntag, 8. Januar 2017

Santana Live At The Fillmore 2008

Eine ganze Reihe von Santana-Konzertmitschnitten ist mittlerweile neben den offiziellen DVDs erschienen, beispielsweise “Hammersmith ’76” vom 16. Dezember 1976 im Hammersmith Odeon in London, ”The Nagano Session” mit Jeff Beck und Steve Lukather vom 1. Juni 1986, “At Budokan – Live In Tokyo” vom 21. Mai 1991 oder ”At Udo Music Festival” in Shizuoka, Japan, vom 23. Juli 2006. Stellvertretend für diese und weitere sei “Live At The Fillmore” vom 20. und 21. Mai 2008 vorgestellt, weil Carlos Santana hier an seine alte Wirkungsstätte in San Francisco und gewissermaßen an den Geburtsort von Santana zurück kehrt.


Denn bis 1968 betreibt Bill Graham das Fillmore Auditorium in der Fillmore Street, Ecke Geary Boulevard. Hier nimmt er die Santana Blues Band unter seine Fittiche und fördert die jungen Musiker. Aufgrund von Rassenunruhen in der Nachbarschaft zieht er um und gründet das Fillmore West im ehemaligen Carousel Ballroom in der Market Street, Ecke South Van Ness Avenue. Dessen Ende 1971 zelebriert der langjährige Santana-Freund und Manager mit einem mehrtägigen Abschiedskonzert, von dem unter anderem das 3-LP-Set ”The Last Days Of Fillmore” zeugt. Darauf spielt Santana neben vielen anderen Bands wie den Grateful Dead, Jefferson Airplane, Hot Tuna, Quicksilver Messenger Service und It’s A Beautiful Day. Es ist auch ihr eigenes Abschiedskonzert, bevor die Originalbesetzung auseinander bricht.

1994 wird das sanierte Fillmore Auditorium in der Fillmore Street als The Fillmore wiedereröffnet. Dort also – unter mindestens acht imposanten Kronleuchtern – entsteht die vorliegende Aufnahme des Santana-Heimspiels. An ”The Last Days Of Fillmore” erinnern einige Takte des Songs ”Greensleeves”, die Carlos vor ”Smooth” seiner Gitarre entlockt. Das sentimentale ”Greensleeves” folgte damals nämlich als letzter Titel des Albums Bill Grahams “Goodbye”.

Die DVD ist ein sauberer Mitschnitt eines besonders stimmungsvollen Auftritts. Bild und Ton sind einwandfrei. Keine Extras, kein Brimborium, keine Gäste, allerdings auch lediglich spärliche Informationen. Einfach nur 94 Minuten mit feiner Musik zum Genießen. Und wenn man um die Bedeutung des Ortes für Carlos weiß und andere Details kennt, kann man erahnen, warum er ”I Love You Much Too Much” mit so besonders großer Inbrunst und offensichtlicher Rührung spielt – und im Anschluss ”Somewhere In Heaven”. Denn von dort schaut Bill Graham zu. ”I Love You Much Too Much” war einer seiner Lieblingstitel. Carlos hat ihn daher auch bei der Trauerfeier für seinen Freund nach dessen Hubschrauberabsturz 1991 gespielt.

Sonntag, 1. Januar 2017

Santana – Santana IV (2016)

Warum heißt dieses Album “Santana IV”, wenn es nach meiner persönlichen Zählweise bereits das vierundvierzigste und nach offizieller Zählung ungefähr das werweißwievielte ist? Nun, nach Jahrzehnten hat sich die alte Santana-Formation wieder zusammengefunden, die nach dem dritten Album “Santana III” 1971 im Knatsch auseinander gegangen ist. Das sind Carlos Santana (Gitarre, Gesang), Gregg Rolie (Hammondorgel, Keyboards, Gesang), Michael Shrieve (Schlagzeug), Michael Carabello (Congas, Percussion, Gesang) und Neal Schon (Gitarre, Gesang). Also trägt ihr Folgealbum ungeachtet der zwischenzeitlich verflossenen Jahrzehnte die Nummer Vier. Hier spielt allerdings nicht ganz die damalige Besetzung. Bassist David Brown starb am 4. September 2000 nach langer Krankheit an Leber- und Nierenversagen – Spätfolgen seines exzessiven Drogenkonsums. Timbalero José “Chepito” Areas fehlt aus mir nicht bekannten Gründen. Die beiden werden ersetzt durch die aktuellen und mittlerweile auch schon langjährigen Santana-Mitglieder Benny Rietveld (Bass) und Karl Perazzo (Timbales, Percussion, Gesang). Hinzu kommt bei zwei Songs Ronald Isley (Gesang) von den Isley Brothers.


Über das Zerbrechen der Band 1971 erzählt Carlos Santana in seiner Biografie (S. 297 f): “Ich spürte, dass es schmerzliche Reibereien zwischen einigen Mitgliedern gab, und ich bin sicher, die anderen spürten es ebenfalls. Was dann geschah, musste geschehen. Wenn etwas vorbei ist, dann ist es vorbei. (…) Anfangs hatten wir einander unterstützt, dann hatten wir einander toleriert und schließlich waren wir zwei Bands in einer gewesen, mit musikalischen und philosophischen Konflikten. Auf der einen Seite standen Gregg und Neal, die mehr Rocktitel spielen wollten, und auf der anderen Seite Shrieve und ich. Chepito ging immer seinen eigenen Weg – er widmete sich seinen eigenen Zerstreuungen und kümmerte sich nie wirklich darum, was die Band tat oder wohin sie ging. Er schrieb Songs, und sein Sound wird immer ein wichtiger Teil der Band sein. Doch bei allen Veränderungen, die es bei Santana gab, schien er immer auf der Spielerbank zu sitzen. Er nahm nie richtig am Spiel teil.”

Neal Schon und Gregg Rolie gründen die sehr erfolgreiche Rockband Journey. “Shrieve und ich glichen eher Gärtnern, die wollten, dass unsere Musik sich ein bisschen entspannte und von selbst wuchs. Wir hörten Jazz und dachten über Jazz und Rhythmen nach” (Carlos Santana, S. 298). Daraus entwickeln sich die wunderbaren Alben “Caravanserai” (1972), “Welcome” (1973) und “Borboletta” (1974). Aber das ist eine andere Geschichte. Darüber verlieren die Musiker sich jedoch nie aus den Augen. Zuletzt touren Santana und Journey sogar gemeinsam durch die USA getourt. Und so kommt es zu diesem neuen Projekt "Santana IV".

“Yambu” führt uns gleich zu den afrikanischen Wurzeln der Musik. Beim rockigen “Shake It” schimmert der Journey-Einfluss durch. “Anywhere You Want To Go” lässt mich endlich an die alte Santana-Band denken. Wobei der Sound natürlich nicht derselbe sein kann, weil beispielsweise Carlos Santana andere Gitarren und Verstärker verwendet und insgesamt einen anderen Sound schätzt als seinerzeit. Mit Blick auf Gregg Rolie lässt sich hingegen erfreut feststellen: Hammond B3 bleibt Hammond B3. “Santana IV” hat mit “Santana III” auch gemeinsam, dass Neal Schons Gitarre überwiegend aus dem linken und Carlos’ Gitarre aus dem rechten Lautsprecher kommt.

“Fillmore East”, der längste Titel, blendet ein und schwebt luftig und filigran vor sich hin – etwa im Stil der ausgedehnten Jams, die Santana in ihrer Frühzeit – noch vor Woodstock und dem ersten Album – in Bill Grahams Fillmore Auditorium hingelegt haben – ein großartiger Song. Wobei das Fillmore East freilich nicht wie das Fillmore Auditorium und das spätere Fillmore West in San Francisco, sondern in New York beheimatet war. “Love Makes The World Go Round” ist wieder eine Rocknummer mit viel Percussion und der Stimme von Ronald Isley. Ebenso “Freedom In Your Mind”, welches in der zweiten Hälfte durch feurige Soli von Gregg Rolie, Neal Schon und Carlos Santana gewürzt wird. “Choo Choo/All Aboard” schlägt vom Rhythmus her in der Nähe von “Jingo” seine Zelte auf. Das verträumte und ergreifende “Sueños” (Träume), eingangs mit akustischer Gitarre gespielt, lässt mich an ”En Aranjuez Con Tu Amor” vom Album ”Santana Brothers” denken. Es nimmt zwischendurch orchestrale Züge an, bis zum Ende hin Gregg Rolies Klavier beinahe zärtlich erklingt.

Mit “Caminando” wird es wieder rockig. So hat Santana sich zuletzt oft angehört. “Blues Magic” ist, wie der Name verrät, ein Blues, sehr intensiv und für mich mit einem Hauch von Peter Greens “Black Magic Woman” beseelt. Selbst der Gesang erinnert an Peter Green. “Echizo” ist ein weiteres Beispiel für Songs, wie ich sie auf diesem Album erhofft habe. Da scheint der alte Santana-Geist aufzuerstehen. “Leave Me Alone” schlägt in dieselbe Kerbe. “You And I” ist zunächst langsam, nimmt in der Mitte aber Tempo auf und bleibt durchgängig gefühlvoll. “Come As You Are” spielt mit fröhlichen Soca-Elementen aus der Karibik. “Forgiveness” irrt melancholisch und ein wenig konturlos umher, wiederum mit Jam-Charakter, aber viel düsterer als “Fillmore East”.

Dass “Santana IV” nahtlos an “Santana III” anknüpft, war angesichts der langen Pause und der individuellen Wege dieser Musiker nicht unbedingt zu erwarten, ist bis zu einem gewissen Grad aber überraschend gut gelungen. Herausgekommen ist ein sehr schönes und frisches Album, das vielleicht nicht alle, doch viele Wünsche erfüllt und einige echte Leckerbissen bietet. Ich bin sehr erfreut, dass die alten Freunde auf Anregung und unter dem Drängen von Neal Schon wieder gemeinsam ins Studio gegangen sind und solch harmonische Musik geschaffen haben. Ein ähnliches Projekt – allerdings ohne Carlos – hat es übrigens 1997 mit “Abraxas Pool” bereits gegeben.


Der Vollständigkeit halber sei darauf hingewiesen, dass das Cover mit dem Löwenkopf und der Figur in der Mitte (von der Nase des Löwen aufwärts) die Grafik des Santana-Debütalbums von Lee Conklin (1969) aufgreift, in dem sich neben einer Gestalt sieben weitere Köpfe verstecken. Bei “Santana IV“ freilich stellt die Figur einen Engel dar – einen Engel mit dem Gesicht von Carlos’ zweiter Ehefrau Cindy Blackman Santana.

Samstag, 31. Dezember 2016

Neue Wanduhr

Seit gestern haben meine Frau und ich eine neue Wanduhr (zum Vergrößern könnt ihr auf das Bild klicken). Sie hat einen Durchmesser von 29 Zentimetern und hängt natürlich im Wohnzimmer, wo die gute Musik läuft. Mit diesem Schmuckstück können wir gut gelaunt ins neue Jahr starten… :-)


Das Zifferblatt aus Glas zeigt einen Ausschnitt aus dem Bild "Annunciation" von Mati Klarwein, welches durch das Cover von Santanas zweitem Album "Abraxas" bekannt wurde. Mehr zum Inhalt und der Symbolik des Bildes habe ich in einem älteren Post geschrieben.


Als ich nach dem Aufhängen der Uhr die entsprechende CD hören wollte, fand ich die Picture-CD sehr passend. Hier wurde ebenfalls versucht, das Eckige ins Runde zu bringen. Nur muss ich gestehen, dass mir der Bildausschnitt der Uhr besser gefällt. Was meint ihr?

Montag, 26. Dezember 2016

Originale und Cover bei Radio ZuSa

Einmal mehr war ich zu Gast bei Radio ZuSa. In Peter’s Oldie Party am 20. November 2016 von 18 bis 20 Uhr mit Hans-Peter Schneider und seiner Frau Brigitte spielten wir Originale und Coverversionen. Alles Oldies, natürlich.

Die Musik stammte teilweise vom Moderatorenpaar, teilweise von mir. Zur Erinnerung an wärmere Tage zog sich der Song "Summertime" aus dem Musical "Porgy And Bess" von George Gershwin (1934) wie ein roter Faden durch die Sendung. Hiervon soll es über 33.000 Coverversionen geben, die wir freilich nicht alle spielen konnten (und wollten). Ich hatte Versionen von Sam Cooke, Booker T & The MGs, The Zombies, Sarah Vaughan sowie Stan Getz & Joao Gilberto mitgebracht. Des weiteren hatte ich als Originale und Cover ausgesucht: "Rebel Rebel" von David Bowie und Rickie Lee Jones, "Cocaine" von J.J. Cale und Eric Clapton (die wunderbare Version vom Live-Album "Just One Night", aufgenommen 1979 in Japan), "Cajun Moon" von J.J. Cale und Randy Crawford sowie "Jin Go Lo Ba" von Babatunde Olatunji und James Last (von dessen 1972er Album "Voodoo Party").

Santana habe ich extra nicht gespielt, weil jeder genau damit gerechnet haben dürfte. Ich muss allerdings sagen, dass James Last eigentlich die Santana-Version als Vorlage genommen hat. Denn das Original von Babatunde Olatunji vom Album "Drums Of Passion" aus dem Jahr 1959 besteht nur aus Perkussion und Gesang. Keinerlei melodiegebende Instrumente sind vertreten. Der aus Nigeria stammende Olatunji gilt als Vater der Weltmusik. "Drums Of Passion" ist eines der ersten reinen Perkussionsalben überhaupt. Gitarre, Bass und Orgel sind allesamt von Santana selbst hinzugefügt (soweit ich weiß).

Es war erneut eine sehr lustige Sendung (vor allem im Studio). Mit dabei war natürlich auch wieder meine Lieblingsfotografin Dagmar Petermann, von der die Bilder stammen.



Donnerstag, 20. Oktober 2016

Herbie Klinger – Sala Mi Wanida (2014)

Hier hat sich ein echter Latinrock-Fan verwirklicht. Tatsächlich ist die Plattensammlung von Herbie Klinger beeindruckend. Aus der Latin-Szene der Siebzigerjahre sind wohl so ziemlich alle Bands und Musiker vertreten, von denen ich jemals gehört habe und die im Laufe der Zeit direkt oder indirekt mit Santana in Berührung kamen. Zu den Prominentesten neben Santana zählen Malo, Azteca, Sapo, Chango und Dakila. Und offenbar ist dem Musiker Herbie das Latinfeeling in Fleisch und Blut, Herz und Seele übergegangen. "Travel back in time" lautet ein Hinweis auf dem auch optisch sehr ansprechend gestalteten Album "Sala Mi Wanida". Ja, es ist eine musikalische Zeitreise in das San Francisco jener Jahre mit 17 Songs und satten 72 Minuten Laufzeit.


Herbie spielt Gitarre – meist im Stil und Sound von Carlos Santana – und Bass. Hinzu kommen viel Percussion, Hammond Orgel, Rhodes, Piano, fetzige Bläser und mehr. Die mitreißende Musik brodelt und groovt wie eben in den Siebzigern und ist transparent abgemischt. Man kann kaum still sitzen. Und… höre ich da manches Augenzwinkern? Originell ist jedenfalls der Gesang, den Unkundige für Spanisch halten mögen, während Latinos sich wohl fragen "Was'n das für 'ne Sprache?" (natürlich auf Spanisch). Denn faktisch handelt es sich dabei zumindest streckenweise um akzentfreies Fantasie-Spanisch (von Herbie "Westfalenethno" genannt).

Das ist alles sehr gelungen, abwechslungsreich und hörenswert. Einige Songs möchte ich dennoch herausheben, weil sie mir besonders gut gefallen. Einmal das gefühlvolle und berührende "Song For The Sun". Dann das leichtfüßig-jazzige "Boca Do Inferno", welches von Santanas Album "Borboletta" (1974) – genauer aus den Songs "Spring Manifestations" und "Aspirations" – stammen könnte. Ferner die bluesige Ballade "In Between". Mit "Sala Mi Wanida" ist Herbie Klinger jedenfalls ein Album gelungen, dem ich viele Hörer wünsche.

Dienstag, 30. August 2016

Mitch Albom – Die magischen Saiten des Frankie Presto (2016)

In einem Interview sinnierte Carlos Santana einst darüber, wie viele Kinder wohl zu den Klängen seines gefühlvollen Instrumentalsongs "Samba Pa Ti" gezeugt worden seien. Mit den magischen Gitarrensaiten von Frankie Presto hätte er womöglich den einen oder anderen Anhaltspunkt gehabt. Denn diese schimmerten blau, wenn sie das Leben eines Menschen veränderten, allerdings jede nur einmal. Beispielsweise 1946, als Django Reinhardt wegen des zehnjährigen Frankie – der zu dem frühen Zeitpunkt bereits ein herausragender Gitarrist war – beschloss, seine US-Tournee mit Duke Ellington doch nicht abzusagen und Frankie als Dolmetscher mit über den Großen Teich zu nehmen. Dort spielte Frankie einige Jahre später unter anderem mit Elvis Presley, sprang sogar unbemerkt während eines Konzerts für ihn ein. Frankie stieg dann selbst zum Star auf und landete einige Hits.

Frankie war fast genau elf Jahre älter als Carlos. Ihre Wege kreuzten sich 1969 auf dem Woodstock-Festival. Santana stand auf der Bühne und spielte "You've got to change your evil ways… baby… " (S. 122). Frankie hätte dies beherzigen sollen. Doch er war völlig zugekifft. Dabei hätte er seiner schwangeren Frau Frühstück machen sollen. Stattdessen schleppte er sich mitten in der Nacht vor dem Auftritt von The Who auf die noch dunkle Bühne und spielte in seiner puren Verzweiflung dieses legendäre Gitarrensolo mit einer Dauer von 2 Minuten und 17 Sekunden, bei dem man lange rätselte, ob es wohl von Jimi Hendrix, Jerry Garcia, Pete Townsend oder Carlos Santana sei (S. 240 f).

Nun ist Frankie Presto im Alter von über 70 Jahren von uns gegangen. Vor dem Trauergottesdienst wird über sein Leben berichtet. Erzähler ist… die Musik. Wer sonst? Die Musik ist allgegenwärtig. Nur sie weiß alles über Frankie, denn sie war von Anfang an bei ihm. Auch prominente Trauergäste kommen zu Wort und erinnern sich voller Respekt an Erlebnisse mit dem Verstorbenen. John Pizzarelli, Wynton Marsalis, Tony Bennett, Paul Stanley von KISS, Lyle Lovett, Roger McGuinn von den Byrds, Burt Bacharach und weitere. Frankie Presto hat zahlreiche Musiker beeinflusst.


Eine bewegende Biografie mit einem Hauch von Magie, die Mitch Albom über den fiktiven Frankie Presto geschrieben und geschickt mit der realen Musikwelt verflochten hat. Doch so fiktiv ist er gar nicht, denn in vielen Musikern, in vielen Menschen steckt ein Stück Frankie, der schwere Phasen durchlitten hat, den aber zugleich eine wunderbare Liebe wie eine Sinfonie mit ihren Tiefen und Höhen immer wieder auffing und durchs Leben trug.

Zunächst störten diese ständigen Zeitsprünge meinen Lesefluss. Aber bald merkte ich, dass sie gut komponiert sind und bisweilen Linderung verschaffen. Denn was dort geschieht – im spanischen Bürgerkrieg etwa – verursacht durch fanatisierte oder gierige Menschen – ist teilweise kaum zu ertragen. Frankie hat einiges davon gar nicht mitbekommen. Und die Zeitsprünge bringen den Leser ganz schnell an einen anderen Ort und auf andere Gedanken – zum Glück…

"Die magischen Saiten des Frankie Presto“ von Mitch Albom, erschienen im August 2016 beim Lago Verlag, steckt voller Musik. Es ist ein bewegender Roman, den ich Musikern und Musikliebhabern gleichermaßen ans Herz legen kann. Und wer weiß, wo die nächste Gitarrensaite blau aufleuchten wird…