Montag, 8. Januar 2018

Santana – Lotus (Complete Edition 2017)

„Lotus“, das legendäre Livealbum von Santana aus dem Jahr 1974, aufgenommen am 3. und 4. Juli 1973 in Osaka, ist aufgrund seiner spektakulären Gestaltung durch Tadanori Yokoo seit jeher ein Juwel für Fans und Sammler. Am 6. Januar 2017 kommt für Sound-Feinschmecker eine Hybrid-SACD des Albums auf den Markt – im Quadrophonic-Mix als limitierte und nummerierte Doppel-CD mit schlichter Ausstattung. Das geht auch besser. Am 28. April 2017 erscheint „Lotus“ als Complete Edition in Japan erneut als Hybrid-SACD, hier allerdings in einer ähnlich üppigen Aufmachung wie die Legacy Edition (2006). Dazu gehören die verkleinerten Faltposter des ursprünglichen LP-Sets, ein verkleinertes Tour-Book (in dem Sänger Leon Thomas noch nicht vorgesehen ist – er muss recht kurzfristig zur Band gestoßen sein), der Reprint einer Eintrittskarte vom 4. Juli 1973 sowie ein 64-seitiges Booklet mit vielen Fotos und (leider) japanischen Texten, unter anderem von Tomoo Suzuki und Tadanori Yokoo. Mit 18 x 18 cm fällt dieses Ensemble ungewöhnlich großformatig aus. Vor allem enthält es sieben bislang unveröffentlichte Songs – das sind insgesamt rund 35 Minuten mehr: „Japan“, „Bambele“ und „Um Um Um“ auf CD 1, „Light Of Life“ auf CD 2 sowie „Savor“ (diesmal aber wirklich), „The Creator Has A Master Plan“ und „Conga Solo“ auf CD 3.


Der legendäre und mit zwei Grammys geehrte Toningenieur Tomoo (auch Tamoo, Tom oder Tomas) Suzuki, 1973 bereits für die Aufnahme und Abmischung des Original-Albums verantwortlich, mischt 44 Jahre später unter Verwendung der Mastertapes auch diese sieben bislang unveröffentlichten Tracks ab. Tomoo Suzuki erzählt über die Entstehung von „Lotus“, das ursprünglich nur in Japan erscheinen sollte: „Anfang der Siebziger gab es kaum ‚echte’ Aufnahmestudios in Japan, um es mal ganz unverblümt auszudrücken. Die meisten Plattenfirmen oder Labels brachten einfach ihre eigenen Aufnahmegeräte mit in die Konzerthallen. Bei CBS/Sony nutzten wir damals ein spezialangefertigtes 8-Spur-Tonbandgerät für Musikaufnahmen. Es war aber so, dass Santana ausdrücklich um ein 16-Spur-Gerät gebeten hatte und zu der Zeit gab es nur ein einziges importiertes 16-Spur-Tonbandgerät im ganzen Land. Ich fragte den Firmenpräsidenten Mr. Oga persönlich, ob ich diesen 16-Spur-Recorder verwenden und eine Funktionsprüfung durchführen dürfe. Irgendwie konnte ich ihn überzeugen und der Recorder wurde nach Osaka gebracht, damit wir den Auftritt von Santana aufnehmen konnten. Seinerzeit war es keineswegs so leicht wie heute, die schweren und kostbaren Aufnahmegeräte zu transportieren. Ich stellte gar ein Team zusammen, dessen einziger Job darin bestand, die 16-Spur-Aufnahmebänder so schnell und präzise zu wechseln wie ein Formel-1-Team Reifen wechselt“.

Für die Aufnahmen zum Album „Welcome“ sowie die Japan-Tour reiht sich Sänger und Stimmakrobat Leon Thomas bei Santana ein. Zu den zahlreichen Stationen in seiner Karriere zählen Art Blakey und Count Basie sowie später Freddie Hubbard und Joe Henderson. Leser des Magazins Down Beat wählen ihn Anfang der Siebziger mehrfach zum besten Jazzsänger. Es spricht für Santana, dass die Band immer wieder solche hochkarätigen Musiker verpflichten kann. Die warme, volle Stimme kam bislang jedoch kaum zur Geltung, da sich auf „Lotus“ recht wenige Stücke mit Gesang befanden. Mit den sieben neuen Songs ändert sich dies gründlich.

„Japan“ ist ein von Santana mit Elementen japanischer Musik gelungen angereicherter Song von R. Hayashi und T. Matsushima, dessen Lyrics allerdings ziemlich pathetisch und patriotisch ausfallen. Dem Publikum freilich gefällt er.

„Bambele“, besteht aus Chants, Percussion und einigen Keyboardeinlagen. Es wurde erstmalig auf „Viva Santana!“ veröffentlicht. Jene deutlich kürzere Version stammt ebenfalls aus 1973.

„Um Um Um“ ist ein Sammelsurium von Scatgesang und vokalen Experimenten. In einem Interview (1970) erläutert Leon Thomas: „Ich verlor alle meine Vorurteile über die Begrenzungen der menschlichen Stimme, ich lernte, mich in alle Richtungen zu bewegen und begann, alle Möglichkeiten zu hören. Am Beginn von aller Musik stand die menschliche Stimme – lange bevor es noch irgendein Instrument gab. Für das, was ich tue, gibt es eigentlich keine Bezeichnung. Ich nenne es ‚ego-less music’, denn es kommt aus den Tiefen meines Unterbewusstseins. Ein Stöhnen, ein Seufzen, ein schriller Schrei – das kann alles ausdrücken, was Menschen imstande sind, zu empfinden. Was aus meinem Unterbewusstsein kommt, darf mein Bewusstsein auf keinen Fall einengen oder begrenzen – nur kontrollieren! Ich habe auf archaische Dinge zurückgegriffen: Musik aus dem Himalaya, indische Ragas, Gesänge der Pygmäen in Zentralafrika – ‚Umbo Veti’ etwa ist ein uraltes Jagdlied. Die Pygmäen singen es, bevor sie auf Elefantenjagd gehen. Viele Weiße sagen, diese Musik sei primitiv. Aber das ist nicht wahr, sie ist sehr komplex und subtil – und zugleich gibt sie der menschlichen Stimme ungeahnte Freiheiten des Ausdrucks. Es ist die Aufgabe des Künstlers, dem Zuhörer eine neue Perspektive von dem zu vermitteln, was um ihn her geschieht, es zu kommentieren – und damit zu ordnen. Die Leute hören einem Sänger zu, wenn er es versteht, sie in ihrem Unterbewusstsein zu treffen. Das kann er aber nur, wenn er sein eigenes Unterbewusstsein weit öffnet“.

„Light Of Life“ ist eines der vier auf „Lotus“ enthaltenen Stücke, die auch auf „Welcome“ erscheinen werden, jedoch erst nach der Tournee im Herbst (2003 kommt als Bonus Track noch „Mantra“ hinzu).

Den spirituellen Song „The Creator Has A Master Plan“ begleitet Leon Thomas, der ihn gemeinsam mit Pharoah Sanders geschrieben hat, bereits auf dessen Album „Karma“ (1968) in einer sehr intensiven und mehr als halbstündigen Version. Stimmungsvoll und ergreifend ist zudem sein späteres Duett mit Louis Armstrong. Santana und John McLaughlin interpretieren den Titel 2011 in Montreux. Und wenn Leon Thomas auf der Japan-Tour schon bei Santana mitwirkt, darf dieses Stück natürlich auch hier nicht fehlen. Unverständlich und bedauerlich finde ich allerdings, dass es uns bislang vorenthalten blieb. Melodisch, zart und berührend unterstützen Keyboards, Schlagzeug, Percussion, Bass und der Hintergrundgesang der anderen Musiker Leon Thomas. Für mich bildet dieses wunderbare „The Creator Has A Master Plan“ den emotionalen Höhepunkt des Albums.

Endlich klärt sich gar das Wirrwarr um „Mr. Udo“ und „Savor“. Der bislang unter beiden Namen veröffentlichte Song heißt hier „Mr. Udo“. Dies ergibt auch einen Sinn, denn das neu enthaltene „Savor“ entspricht unverkennbar dem gleichnamigen Song vom Debütalbum. Offenbar wurde „Mr. Udo“ auf der ursprünglichen LP sowie der Legacy Edition von „Lotus“ lediglich falsch benannt. Und wer nicht genau aufpasst, bemerkt kaum das ebenfalls neue „Conga Solo“ und stellt erst bei „Toussaint L'Overture“ fest, dass er sich wieder auf bekanntem Terrain befindet.

Fazit: ich möchte diese Schmuckausgabe von „Lotus“ nicht missen. Leider muss man dafür wirklich tief in die Tasche greifen. Vielleicht erscheinen die Titel ja gelegentlich auch als Bonus Tracks auf der einfachen CD-Ausgabe

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