Montag, 8. Januar 2018

Santana – Lotus (Complete Edition 2017)

„Lotus“, das legendäre Livealbum von Santana aus dem Jahr 1974, aufgenommen am 3. und 4. Juli 1973 in Osaka, ist aufgrund seiner spektakulären Gestaltung durch Tadanori Yokoo seit jeher ein Juwel für Fans und Sammler. Am 6. Januar 2017 kommt für Sound-Feinschmecker eine Hybrid-SACD des Albums auf den Markt – im Quadrophonic-Mix als limitierte und nummerierte Doppel-CD mit schlichter Ausstattung. Das geht auch besser. Am 28. April 2017 erscheint „Lotus“ als Complete Edition in Japan als Dreifach-Hybrid-SACD in einer ähnlich üppigen Aufmachung wie die Legacy Edition (2006). Dazu gehören die verkleinerten Faltposter des ursprünglichen LP-Sets, ein verkleinertes Tour-Book (in dem Sänger Leon Thomas noch nicht vorgesehen ist – er muss recht kurzfristig zur Band gestoßen sein), der Reprint einer Eintrittskarte vom 4. Juli 1973 sowie ein 64-seitiges Booklet mit vielen Fotos und (leider) japanischen Texten, unter anderem von Tomoo Suzuki und Tadanori Yokoo. Mit 18 x 18 cm fällt dieses Ensemble ungewöhnlich großformatig aus. Vor allem enthält es sieben bislang unveröffentlichte Songs – das sind insgesamt rund 35 Minuten mehr: „Japan“, „Bambele“ und „Um Um Um“ auf CD 1, „Light Of Life“ auf CD 2 sowie „Savor“ (diesmal aber wirklich), „The Creator Has A Master Plan“ und „Conga Solo“ auf CD 3.


Der legendäre und mit zwei Grammys geehrte Toningenieur Tomoo (auch Tamoo, Tom oder Tomas) Suzuki, 1973 bereits für die Aufnahme und Abmischung des Original-Albums verantwortlich, mischt 44 Jahre später unter Verwendung der Mastertapes auch diese sieben bislang unveröffentlichten Tracks ab. Tomoo Suzuki erzählt über die Entstehung von „Lotus“, das ursprünglich nur in Japan erscheinen sollte: „Anfang der Siebziger gab es kaum ‚echte’ Aufnahmestudios in Japan, um es mal ganz unverblümt auszudrücken. Die meisten Plattenfirmen oder Labels brachten einfach ihre eigenen Aufnahmegeräte mit in die Konzerthallen. Bei CBS/Sony nutzten wir damals ein spezialangefertigtes 8-Spur-Tonbandgerät für Musikaufnahmen. Es war aber so, dass Santana ausdrücklich um ein 16-Spur-Gerät gebeten hatte und zu der Zeit gab es nur ein einziges importiertes 16-Spur-Tonbandgerät im ganzen Land. Ich fragte den Firmenpräsidenten Mr. Oga persönlich, ob ich diesen 16-Spur-Recorder verwenden und eine Funktionsprüfung durchführen dürfe. Irgendwie konnte ich ihn überzeugen und der Recorder wurde nach Osaka gebracht, damit wir den Auftritt von Santana aufnehmen konnten. Seinerzeit war es keineswegs so leicht wie heute, die schweren und kostbaren Aufnahmegeräte zu transportieren. Ich stellte gar ein Team zusammen, dessen einziger Job darin bestand, die 16-Spur-Aufnahmebänder so schnell und präzise zu wechseln wie ein Formel-1-Team Reifen wechselt“.

Für die Aufnahmen zum Album „Welcome“ sowie die Japan-Tour reiht sich Sänger und Stimmakrobat Leon Thomas bei Santana ein. Zu den zahlreichen Stationen in seiner Karriere zählen Art Blakey und Count Basie sowie später Freddie Hubbard und Joe Henderson. Leser des Magazins Down Beat wählen ihn Anfang der Siebziger mehrfach zum besten Jazzsänger. Es spricht für Santana, dass die Band immer wieder solche hochkarätigen Musiker verpflichten kann. Die warme, volle Stimme kam bislang jedoch kaum zur Geltung, da sich auf „Lotus“ recht wenige Stücke mit Gesang befanden. Mit den sieben neuen Songs ändert sich dies gründlich.

„Japan“ ist ein von Santana mit Elementen japanischer Musik gelungen angereicherter Song von R. Hayashi und T. Matsushima, dessen Lyrics allerdings ziemlich pathetisch und patriotisch ausfallen. Dem Publikum freilich gefällt er.

„Bambele“, besteht aus Chants, Percussion und einigen Keyboardeinlagen. Es wurde erstmalig auf „Viva Santana!“ veröffentlicht. Jene deutlich kürzere Version stammt ebenfalls aus 1973.

„Um Um Um“ ist ein Sammelsurium von Scatgesang und vokalen Experimenten. In einem Interview (1970) erläutert Leon Thomas: „Ich verlor alle meine Vorurteile über die Begrenzungen der menschlichen Stimme, ich lernte, mich in alle Richtungen zu bewegen und begann, alle Möglichkeiten zu hören. Am Beginn von aller Musik stand die menschliche Stimme – lange bevor es noch irgendein Instrument gab. Für das, was ich tue, gibt es eigentlich keine Bezeichnung. Ich nenne es ‚ego-less music’, denn es kommt aus den Tiefen meines Unterbewusstseins. Ein Stöhnen, ein Seufzen, ein schriller Schrei – das kann alles ausdrücken, was Menschen imstande sind, zu empfinden. Was aus meinem Unterbewusstsein kommt, darf mein Bewusstsein auf keinen Fall einengen oder begrenzen – nur kontrollieren! Ich habe auf archaische Dinge zurückgegriffen: Musik aus dem Himalaya, indische Ragas, Gesänge der Pygmäen in Zentralafrika – ‚Umbo Veti’ etwa ist ein uraltes Jagdlied. Die Pygmäen singen es, bevor sie auf Elefantenjagd gehen. Viele Weiße sagen, diese Musik sei primitiv. Aber das ist nicht wahr, sie ist sehr komplex und subtil – und zugleich gibt sie der menschlichen Stimme ungeahnte Freiheiten des Ausdrucks. Es ist die Aufgabe des Künstlers, dem Zuhörer eine neue Perspektive von dem zu vermitteln, was um ihn her geschieht, es zu kommentieren – und damit zu ordnen. Die Leute hören einem Sänger zu, wenn er es versteht, sie in ihrem Unterbewusstsein zu treffen. Das kann er aber nur, wenn er sein eigenes Unterbewusstsein weit öffnet“.

„Light Of Life“ ist eines der vier auf „Lotus“ enthaltenen Stücke, die auch auf „Welcome“ erscheinen werden, jedoch erst nach der Tournee im Herbst (2003 kommt als Bonus Track noch „Mantra“ hinzu).

Den spirituellen Song „The Creator Has A Master Plan“ begleitet Leon Thomas, der ihn gemeinsam mit Pharoah Sanders geschrieben hat, bereits auf dessen Album „Karma“ (1968) in einer sehr intensiven und mehr als halbstündigen Version. Stimmungsvoll und ergreifend ist zudem sein späteres Duett mit Louis Armstrong. Santana und John McLaughlin interpretieren den Titel 2011 in Montreux. Und wenn Leon Thomas auf der Japan-Tour schon bei Santana mitwirkt, darf dieses Stück natürlich auch hier nicht fehlen. Unverständlich und bedauerlich finde ich allerdings, dass es uns bislang vorenthalten blieb. Melodisch, zart und berührend unterstützen Keyboards, Schlagzeug, Percussion, Bass und der Hintergrundgesang der anderen Musiker Leon Thomas. Für mich bildet dieses wunderbare „The Creator Has A Master Plan“ den emotionalen Höhepunkt des Albums.

Endlich klärt sich gar das Wirrwarr um „Mr. Udo“ und „Savor“. Der bislang unter beiden Namen veröffentlichte Song heißt hier „Mr. Udo“. Dies ergibt auch einen Sinn, denn das neu enthaltene „Savor“ entspricht unverkennbar dem gleichnamigen Song vom Debütalbum. Offenbar wurde „Mr. Udo“ auf der ursprünglichen LP sowie der Legacy Edition von „Lotus“ lediglich falsch benannt. Und wer nicht genau aufpasst, bemerkt kaum das ebenfalls neue „Conga Solo“ und stellt erst bei „Toussaint L'Overture“ fest, dass er sich wieder auf bekanntem Terrain befindet.

Fazit: ich möchte diese Schmuckausgabe von „Lotus“ nicht missen. Leider muss man dafür wirklich tief in die Tasche greifen. Vielleicht erscheinen die Titel ja gelegentlich auch als Bonus Tracks auf der einfachen CD-Ausgabe

Montag, 4. Dezember 2017

Santana – Oye Como Va Live 75–90 (19-CD-Box 2017)

Ende März 2017 erschien „Oye Como Va Live 75–90“. Diese Box mit 19 CDs zu einem relativ günstigen Preis um 50 Euro enthält zehn ältere Konzertmitschnitte diverser Radiosender, die sich jeweils über eine bis drei CDs erstrecken. Ihre Tonqualität ist mäßig bis gut. CD-Text ist mal vorhanden, mal nicht. Es braucht naturgemäß einige Tage oder gar Wochen, sich durch diese umfangreiche Zusammenstellung zu hören.


CDs (mit Spielzeit)
CD 1: Rynearson Stadium, Ypsilanti, Mi, May 25th 1975, King Biscuit Flower Hour – 49:34
CD 2: Cow Palace, Daly City, Ca, December 31st 1976, KSAN-FM – 77:04
CD 3: Best Of The Palladium Weekend Live, NY, February 9th 1978 (Early Set), King Biscuit Flower Hour – 66:23
CD 4: Best Of The Palladium Weekend Live, NY, February 9th 1978 (Early Set Continued), King Biscuit Flower Hour – February 9th 1978 (Late Set) – February 10th 1978 (Early Set) – February 10th 1978 (Late Set) – 63:33
CD 5: The Bottom Line, NY, October 16th 1978, WNEW-FM & WMMR-FM – 56:55
CD 6: The Bottom Line, NY, October 16th 1978 (Continued), WNEW-FM & WMMR-FM – 44:06
CD 7: Pinecrest Theatre, Shelton, Ct, August 3rd 1980, WHCN-FM – 62:51 (Aufdruck: Disc 8)
CD 8: Pinecrest Theatre, Shelton, Ct, August 3rd 1980 (Continued), WHCN-FM – 71:45 (Aufdruck: Disc 7)
CD 9: Old Waldorf Theater, San Francisco, February 5th 1981, KSAN-FM – 36:01
CD 10: Old Waldorf Theater, San Francisco, February 5th 1981 (Continued), KSAN-FM – 48:15
CD 11: Cape Cod Coliseum, Hyannis, Ma, July 4th 1981, WBCN-FM – 66:53
CD 12: Cape Cod Coliseum, Hyannis, Ma, July 4th 1981 (Continued), WBCN-FM – 40:51
CD 13: NHK Hall, Tokyo, Japan, July 10th 1983, NHK-TV Broadcast – 59:49
CD 14: NHK Hall, Tokyo, Japan, July 10th 1983 (Continued), NHK-TV Broadcast – 39:39
CD 15: NHK Hall, Tokyo, Japan, July 10th 1983 (Continued), NHK-TV Broadcast – 53:07
CD 16: Sunrise Music Theater, Fort Lauderdale, Fl, November 26th 1988 (Late Show), King Biscuit Flower Hour – 64:21
CD 17: Sunrise Music Theater, Fort Lauderdale, Fl, November 26th 1988 (Late Show Continued), King Biscuit Flower Hour – 65:36
CD 18: The World Theater, Tinley Park, Il, August 26th 1990, WXRT-FM – 69:32
CD 19: The World Theater, Tinley Park, Il, August 26th 1990 (Continued), WXRT-FM – 65:42

Musiker
Da es keine weiteren Infos gibt, musste ich die Besetzungen nach Konzert-Ansagen und anderen Quellen rekonstruieren – alle Angaben also ohne Gewähr:
CD 1: Carlos Santana (g/perc/vo), David Brown (b), Leon Patillo (kbd/vo), Tom Coster (kbd/vo), „Ndugu" Leon Chancler (ds), Armando Peraza (perc/vo)
CD 2: Carlos Santana (g/perc/vo), Pablo Tellez (b/vo), Tom Coster (kbd/vo), Luther Rabb (vo), Joel Badie (vo), Graham Lear (ds), Raul Rekow (perc/vo), Jose „Chepito" Areas (perc)
CD 3/4: Carlos Santana (g/perc/vo), David Margen (b), Tom Coster (kbd/vo), Greg Walker (vo), Graham Lear (ds), Raul Rekow (perc/vo), Armando Peraza (perc/vo) , Pete Escovedo (perc)
CD 5/6: Carlos Santana (g/perc/vo), Chris Solberg (g/kbd), David Margen (b), Chris Rhyne (kbd), Greg Walker (vo), Graham Lear (ds), Raul Rekow (perc/vo), Armando Peraza (perc/vo)
CD 7/8: Carlos Santana (g/perc/vo), Alex Ligertwood (g/vo), Al di Meola (g), David Margen (b), Richard Baker (kbd), Graham Lear (ds), Raul Rekow (perc/vo), Armando Peraza (perc/vo), Orestes Vilato (perc/vo)
CD 9/10: Carlos Santana (g/perc/vo), Alex Ligertwood (g/vo), David Margen (b), Richard Baker (kbd), Herbie Hancock (kbd), Graham Lear (ds), Raul Rekow (perc/vo), Armando Peraza (perc/vo), Orestes Vilato (perc/vo), Michael Carabello (perc), Horn Section
CD 11/12: Carlos Santana (g/perc/vo), Alex Ligertwood (g/vo), David Margen (b), Richard Baker (kbd), Graham Lear (ds), Raul Rekow (perc/vo), Armando Peraza (perc/vo), Orestes Vilato (perc/vo)
CD 13/14/15: Carlos Santana (g/perc/vo), Keith Jones (b), Tom Coster (kbd/vo), Chester Thompson (kbd/vo), Greg Walker (vo), Graham Lear (ds), Raul Rekow (perc/vo), Armando Peraza (perc/vo), Orestes Vilato (perc/vo)
CD 16/17: Carlos Santana (g/perc/vo), Alphonso Johnson (b), Gregg Rolie (kbd/vo), Chester Thompson (kbd/vo), Michael Shrieve (ds), Armando Peraza (perc/vo), Jose „Chepito“ Areas (perc), Carlos „Patato“ Valdés (perc)
CD 18/19: Carlos Santana (g/perc/vo), Alex Ligertwood (g/vo), Benny Rietveld (b), Chester Thompson (kbd/vo), Walfredo De Los Reyes (ds), Armando Peraza (perc/vo)

Die CDs 7 und 8 sind (zumindest bei meiner Ausgabe) verkehrt bedruckt und sollten in ihren Hüllen getauscht werden, damit die Musik zur Liste auf der jeweiligen Hülle passt und die Reihenfolge stimmt.

Unter den vielen Aufnahmen finden sich immer wieder einzelne Songs in besonders gelungenen Versionen, etwa „American Gypsy“ (CD 12) oder „Toussaint L’Overture“ (CD 19). Erwähnenswert sind zudem die Gastmusiker Al di Meola (1980 – CDs 7/8) sowie Herbie Hancock und Michael Carabello (1981 – CDs 9/10).

Die Aufnahme von 1988 in Fort Lauderdale entstand während der Reunion-Tour. Von der Original-Band sind Carlos Santana, Gregg Rolie, Michael Shrieve und José „Chepito“ Areas dabei. Ungewöhnlicher Begleiter ist der wie Armando Peraza aus Havanna, Kuba stammende Congavirtuose Carlos „Patato“ Valdés. Er spielte bereits in den 50er-Jahren mit Machito, Tito Puente und vielen anderen Größen des Latin Jazz. Mit soviel herausragender Percussion, die bei der hier vergleichsweise guten Tonqualität erfreulicherweise auch zur Geltung kommt, gehören die CDs 16 und 17 für mich zu den besten dieser Box. Welch einen wunderbaren Kontrast bildet dieser Mitschnitt zu den uninspirierten Studioalben jener Jahre…

Donnerstag, 31. August 2017

Joaquim Paulo – Jazz Covers (2015)

Vinylplatten sind nach langer Durststrecke wieder auf dem Vormarsch. Kein Wunder, denn Musik kann mehr sein als nur ein MP3-Download. Vor den MP3-Dateien gab es CDs. Und vor den CDs gab es LPs aus meist schwarzem Vinyl, 30 Zentimeter im Durchmesser. Noch immer ist da die Vorfreude, wenn ich eine LP aus ihrer bunt bedruckten Papphülle ziehe, sie auf den Plattenteller lege, den Tonarm in Bewegung setze, die rotierende Platte mit einem weichen Tuch oder einer speziellen Bürste so gut es geht vom Staub befreie, wenn die Abspielnadel mit einem dumpfen Ton das Vinyl berührt und schließlich mit feinen Knacken die Rille findet, die sie nicht mehr verlassen soll, bis sie sämtliche Songs dieser Seite zu Gehör gebracht hat. Während die Musik läuft, setze ich mich mit der leeren Papphülle auf den Teppich oder in den Sessel, betrachte das Cover und lese die Informationen auf der Rück- oder Innenseite – und kann sie sogar mit bloßem Auge erkennen.

© Taschen-Verlag
Musik ist gut für die Seele. Das Cover begleitet sie visuell, unterstützt sie idealerweise. Und wenn der Fan das Cover sieht, erklingt innerlich sein jeweiliges Lieblingsstück oder Erinnerungen steigen hoch. Genau deshalb ist es immer wieder eine Freude, ein Buch mit Plattencovern zu durchstöbern. Menschen mögen Bilderbücher sowieso. Und Musikliebhaber mögen Bücher, die Plattencover zeigen. Was für eine Fundgrube! Dann blättert man und blättert und entdeckt Alben, die man einst besaß oder noch hat, die man gerne gehabt hätte oder die ein Freund sein eigen nannte oder die man vielleicht auch gar nicht kennt. Und im Geiste spielt die Musik oder man kommt auf die prima Idee, eben dieses Album mal wieder aufzulegen oder es sich nach so vielen Jahren endlich doch zu kaufen.

© Taschen-Verlag
„Jazz Covers“ von Joaquim Paulo und Herausgeber Julius Wiedemann aus dem Taschen-Verlag richtet sich natürlich speziell an Jazzfreunde. Der mit 672 Seiten ziemlich dicke Schinken ist etwas kleiner als A5 und kostet gerade mal 14,99 Euro. Fast alle gezeigten Alben in ihrer graphischen Vielfalt und Farbenpracht stammen aus dem LP-Zeitalter der Fünfziger bis Siebziger – älter oder neuer ist nur sehr wenig. Informationen zu den Alben, unsystematisch gestreute Erläuterungen mal über Musiker, mal über Grafiker, mal über beide sowie längere Interviews mit Sammlern, DJs und bekannten Händlern – alle in Englisch, Deutsch und Französisch – ergänzen die vielen Bilder. Das sind schöne Geschichten über das Sammeln von Schallplatten.

© Taschen-Verlag
„Man geht mit Vinylplatten ganz anders um… Emotional ist man mehr drin, wenn man Texte liest, Bilder betrachtet und die Musik fühlt. In meinem Buch über [das Plattenlabel] Impulse! steht, für was manche die Plattenhüllen verwendet haben, um z.B. bei den getrockneten Marihuanablüten die Samen von den Blättern zu trennen. Sie erkannten das beste Album an der Anzahl der Samen, die darin zurückblieben. In den 1960ern und 1970ern war die Beschäftigung mit Musik noch viel mehr ein soziales Ereignis. Das Plattencover war wie eine Tür zur Welt der Musik“, erzählt  Ashley Kahn, Musikhistoriker, Journalist, Produzent und auch Autor der Biografie von Carlos Santana (S. 57).

Und Plattenproduzent Michael Cuscuna: „Ich glaube, der echte Jazzfan sammelt gerne… er interessiert sich für die Hüllen und die Begleittexte. Selbst ich vermisse, wenn ich die Musik höre, nicht den Vinylklang, sondern die Hülle, das Cover. Man kann dort die Begleittexte lesen. CD-Booklets sind für Leute unter 25 gemacht. Ich brauche eine Lupe, um die verdammten Dinger zu lesen.“ (S. 35).

Sonntag, 6. August 2017

Santana-Special – zum 70. Geburtstag von Carlos Santana

Am 20. Juli 2017 wurde Carlos Santana siebzig Jahre alt.

Es ergab sich, dass Wolfgang Bütow mich für den 21. Juli zu seiner Sendung „Welcome Radio“ auf Radio ZuSa (21 bis 23 Uhr) eingeladen hatte. Aus aktuellem Anlass machten wir ein Santana-Special, in dem wir einen Querschnitt durch 48 Jahre Musikgeschichte präsentierten und ausgiebig darüber sprachen. Und da The Magic of Santana mit den ehemaligen Santana-Sängern Alex Ligertwood (der aber kurzfristig ausfiel) und Tony Lindsay am 22. Juli ein Konzert in Rotenburg (Wümme) geben sollte, spielten wir auch einige großartige Interpretationen von deren Album „Live In Spain 2016“. Ich denke, dass wir unseren Hörern eine bunte und unterhaltsame Sendung bieten konnten.




Hagen Rudolph und Wolfgang Bütow (Fotos: Dagmar Petermann)
Hier das von mir zusammengestellte und tatsächlich gespielte Musikprogramm (für weitere geplante Titel hatten wir leider nicht genügend Sendezeit):

Soul Sacrifice – Santana (1969)
Samba Pa Ti – Santana (1970)
Black Magic Woman – The Magic of Santana feat. Alex Ligertwood & Tony Lindsay (2017)
Gypsy Queen – The Magic of Santana feat. Alex Ligertwood & Tony Lindsay (2017)
Guajira – Santana (1971)
Song Of The Wind – Santana (1972)
Love, Devotion & Surrender – Santana (1973)
Gitano – Santana (1976)
Revelations – Santana (1977)
Flor D'Luna (Moonflower) – Santana (1977)
Tales Of Kilimanjaro – Santana (1981)
Nueva York – Santana (1982)
Havana Moon – Carlos Santana (1983)
Make Somebody Happy – Santana (1992)
Corazón Espinado – Santana feat. Maná (1999)
Blues Magic – Santana (2016)
Guajirona – Abraxas Pool (1997)
She's Not There – The Magic of Santana feat. Alex Ligertwood & Tony Lindsay (2017)

Sonntag, 2. Juli 2017

Carlos Santana wird 70

Am 20. Juli 2017 wird Carlos Santana 70 Jahre alt. Aus diesem Anlass wird Radio ZuSa am 21. Juli in der Sendung "Welcome Radio" von 21 bis 23 Uhr eine Sendung über Santana anbieten. Moderator Wolfgang Bütow hat den Autor von zwei Santana-Büchern Hagen Rudolph zu Gast, um Musik von Santana zu spielen und die Geschichte dieser Band Revue passieren zu lassen.


Wer nicht im Raum Lüneburg–Uelzen–Wendland lebt, kann die Sendung im Livestream hören. Viel Spaß dabei…

Montag, 1. Mai 2017

Francesco Spampinato – Art Record Covers (2017)

Seit den Siebzigerjahren, als ich die Musik für mich entdeckte, liebe ich LPs nicht nur wegen der Klänge, die eine feine Nadel dem meist schwarzen Vinyl entlockt, sondern zugleich wegen der vielfältig gestalteten Cover. Und bisweilen setzt sich die Kreativität im Inneren fort. Klappcover und die Schutzhüllen (Sleeves) der LPs bieten viel Platz dafür. Mitunter erfreuen den Sammler weitere Extras wie der echte Reißverschluss zum Auf- und Zuziehen auf dem Cover des Rolling-Stones-Albums „Sticky Fingers“ (1971), der Umschlag mit Fotos und einem Konzertplakat bei „The Who Live At Leeds“ (1970) oder das ausklappbare Schutzschild bei „Warrior On The Edge Of Time“ von Hawkwind (1975). Bemerkenswert ist auch das Dreifachalbum „Lotus“ von Santana (1974), welches den Fans als opulentes Gesamtkunstwerk mit zwei vierteiligen Postern reichlich zu blättern, zu gucken und zu staunen gibt. Es wurde entworfen von Tadanori Yokoo, der am Design von vier Santana-Alben beteiligt war.

Schallplattencover sind ein faszinierender Zweig der Gebrauchskunst. Sie müssen zur Musik und zur Identität der Musiker passen und obendrein vielleicht deren Logo oder andere Erkennungsmerkmale tragen wie die leckende Zunge („Tongue and Lips“) der Rolling Stones, den geschwungenen Schriftzug von Chicago, den Skarabäus von Journey oder die vier senkrechten Balken von Electric Flag.

© Taschen-Verlag
Kein Wunder also, dass ein Buch mit dem Titel „Art Record Covers“ von Francesco Spampinato und Julius Wiedemann aus dem Taschen-Verlag sofort mein Interesse weckt. Sein Name lässt erwarten, dass es Cover präsentiert, bei denen die Betonung eher auf Kunst als auf Gebrauch liegt. Sein Steckbrief: Hardcover mit stabilem Schutzumschlag – 30 x 30 cm groß – 4,5 cm dick – 449 Seiten stark – über 3,8 kg schwer – viel hochwertig anmutendes Material also für 49,99 Euro.

© Taschen-Verlag
Ich schau hinein und stelle fest: Kunst muss nicht schön sein. Mehr noch… Kunst darf oftmals nicht schön sein. Sie verpackt ja nicht immer nur Entspannungsmusik und eingängige Sounds, sondern häufig Punk, Rap, Metal, Independent Music und ähnliches – zornige, laute, anklagende, kritische, grenzwertige oder experimentelle Klänge. Analog dazu sollen die Cover aufrütteln, verstören, erschrecken, abstoßen, verwundern, nachdenklich oder neugierig machen. All das findet man hier. Hübsche Cover bietet „Art Record Covers“ ebenfalls, doch die sind klar in der Minderheit. Stattdessen: Kunst an den Grenzen der Kunst für Musik an den Grenzen der Musik.

Neben mehr als 500 Plattencover enthält das Buch auf den ersten 69 Seiten auch einigen Text – jedes Kapitel nacheinander in Englisch, Deutsch und Französisch abgedruckt und mit Beispielen illustriert. Eine Einleitung skizziert die Geschichte von anfänglich schlichten Kartonhüllen zu den heutigen Kunstwerken. Ihr folgen Interviews mit Tauba Auerbach, Shepard Fairey, Kim Gordon, Christian Marclay, Albert Oehlen und Raymond Pettibon – allesamt Künstler, die zahlreiche Cover entworfen haben und teilweise auch selbst Musiker sind. Das Blättern im bunten Buch ist schon reizvoll. Doch erst die Interviews wecken Verständnis für die Kunst und die teils schrägen Motive. Indem die Künstler über ihre Zusammenarbeit mit Musikern und die Entstehung von Covern berichten und uns an ihrer persönlichen Entwicklung teilhaben lassen, fügen sie ihren Grafiken eine weitere Dimension hinzu und füllen sie erst mit Leben.

Wir finden hier die persönliche Auswahl von Francesco Spampinato, Kunsthistoriker und zur Zeit an der Universität Sorbonne Nouvelle in Paris tätig, und Julius Wiedemann, Grafikdesigner und Kunstredakteur. „Die Intention dieses Buches ist (…), das Plattencover als vollkommenes Medium für einen erweiterten Kunstbegriff zu präsentieren“, schreibt Spampinato. Aber nicht nur Randbereiche sind vertreten, sondern auch prominente Künstler wie Joseph Beuys, Salvador Dali, Roy Lichtenstein, Henri Matisse, Joan Miró, Pablo Picasso, Gerhard Richter, Victor Vasarely, Andy Warhol und Ai Weiwei. Von Andy Warhol stammen neben etlichen anderen das John-Lennon-Album vorne auf dem Buch sowie die bekannten und ebenfalls formatfüllend abgebildeten Cover von Velvet Unterground and Nico mit der Banane und das bereits erwähnte „Sticky Fingers“ der Rolling Stones. Daher sagt Spampinato auch zutreffend: „Jeder kann sich seine Kunstsammlung aufbauen, denn viele der Platten sind günstig auf dem Flohmarkt, in Plattenläden oder online erhältlich.“

© Taschen-Verlag
Ich kann „Art Record Covers“ jedem Musikfreund empfehlen, für den Musik mehr ist als nur MP3-Downloads – jedem, der sich auch für die Albumkunst interessiert und mehr über ihre Hintergründe erfahren möchte. Darüber hinaus dürfte dieses Werk zeitgenössischen Künstlern durch seine Vielfalt und Bandbreite der künstlerischen Ideen mancherlei Anregungen bieten.

Dienstag, 4. April 2017

The Magic of Santana featuring Alex Ligertwood & Tony Lindsay – Live In Spain 2016 (CD 2017)

Auch Spanier mögen Santana-Musik – sehr sogar. Und wenn Carlos sich dort jahrelang nicht blicken lässt, freuen sie sich über die großartige Tributeband The Magic of Santana in Begleitung der beiden ehemaligen Santana-Sänger Alex Ligertwood und des mit elf Grammys ausgezeichneten Tony Lindsay. Sie kommen dem Original erstaunlich nah. Davon kann man sich bei jedem Konzert überzeugen. Und eindrucksvoll demonstrierten sie dies auch auf ihrer Spanientour im Januar und Februar 2016, als sie diverse Hallen zum Kochen brachten und die Fans begeisterten.


Mehr als 73 Minuten an feurigem Beweismaterial aus verschiedenen Konzerten befinden sich nun auf ihrer frisch erschienenen ersten CD "Live In Spain 2016“ (auch als MP3-Download verfügbar). Das sind die folgenden elf Titel:

1. Wham! (Live in La Nucia)
2. É Papa Ré (Live in La Nucia)
3. Somewhere In Heaven (Live in Murcia)
4. Maria Maria (Live in Murcia)
5. Europa (Live in Alicante)
6. She’s Not There (Live in Castelló de la Plana)
7. Black Magic Woman (Live in Alicante)
8. Gypsy Queen (Live in Alicante)
9. Oye Como Va (Live in Alicante)
10. Open Invitation (Live in Castelló de la Plana)
11. Jingo Lo Ba (Live in Castelló de la Plana)

Wie soll man "Wham!" übersetzen? "Rumms!" vielleicht – und das passt, denn der Song ist ein Kracher. Ihn so originalgetreu hinzukriegen, bei all der komplexen Percussion, ist eine echte Herausforderung. The Magic of Santana meistert sie bravourös. Muchas Gracias Jürgen Pfitzinger, Andreas Rohde, Pablo Escayola und Oliver Steinwede. Und dann beginnt "É Papa Ré", wie man es vom Santana-Album "Zebop!" kennt, einschließlich der Stimme von Alex Ligertwood. Einfach genial. Nur die Band ist eine andere, obwohl sie praktisch genauso klingt wie Santana. "É Papa Ré" und der folgende Song sind übrigens von Alex mitkomponiert. "Somewere In Heaven" ist dem drei Monate zuvor verstorbenen Raul Rekow gewidmet, der 37 Jahre lang bei Santana Congas spielte und der seine letzten Konzerte zusammen mit The Magic of Santana, Alex Ligertwood und Tony Lindsay gab. Sehr gefühlvoll und bewegend rufen die Stimmen von Alex und Tony und die Gitarre von Gerd Schlüter ihm nach.

Raul war bei Santana auch für die afrikanischen Chants zuständig. Das "Ahora Venga Mama Chola Mama Chola" bei "Maria Maria" ist beispielsweise von ihm. Der Song stammt vom Album "Supernatural" (1999), mit dem er, Tony Lindsay und die anderen Santana-Musiker die erwähnten elf Grammys abräumten.

Doch zurück zu älteren Songs. "Europa" mit einem schönen Gitarren-Dialog von Gerd Schlüter und Olli Schröder geht unter die Haut und bezaubert das Publikum. Bei "She's Not There" setzen sich auch Keyboards und Hammondorgel von Chris Haertel fein in Szene. Und natürlich das Percussion-Ensemble. Dabei zupft Martin Hohmeier stets akkurat den Bass und trägt seinen Teil zum überzeugenden Groove bei.

Umwerfend ist die trimagische Songstafette "Black Magic Woman/Gypsy Queen/Oye Como Va". Gesondert hervorgehoben sei hier ein schönes Duett zwischen Bass und Congas bei "Gypsy Queen". Einfach klasse! Bei "Oye Como Va" darf natürlich ein kleiner Ausflug zu "Owner Of A Lonely Heart" von Yes nicht fehlen, der bei Santana ebenfalls üblich ist. Den Abschluss bilden ein furioses "Open Invitation" sowie "Jingo Lo Ba" von Santanas Debütalbum (1969). Donnernde Percussion und ein wummernder Bass reißen den Hörer mit, bevor die Hammondorgel einsetzt, gefolgt von den ersten Chants. Gitarren kommen erst relativ spät hinzu. Das Original von Babatunde Olatunji (1959) besteht sowieso nur aus Percussion und Chants.

Insgesamt bringt die CD ungezügelte Spielfreude rüber, wie sie für The Magic of Santana typisch ist und wie sie offenbar das heißblütige spanische Publikum berauscht hat. Obendrein ist der Sound transparent abgemischt. Ich bin der Meinung, jedes einzelne Instrument hören zu können. Auch die Tontechniker haben also einen prima Job abgeliefert. Und die abschließenden Choräle des Publikums klingen wie im Fußballstadion… da ist Spanien ja sowieso nicht schlecht aufgestellt…

Die Jungs haben soviel Eindruck hinterlassen, dass die nächste Spanientour für November 2017 bereits vorbereitet wird.

Mittwoch, 22. März 2017

CD-Release-Party mit Alex Ligertwood und Tony Lindsay in Buchholz

Buchholz in der Nordheide – 16. März 2017 – am Abend eines sonnigen Vorfrühlingstages. Es ist die Party zur Veröffentlichung der soeben erschienenen CD "Live In Spain 2016". Und es soll ein verkürztes Set werden – mit Live-Stream auf YouTube und Videodreh für eine neue DVD, der ich erwartungsvoll entgegenfiebere. Aber dann kann The Magic of Santana mit den langjährigen Santana-Sängern Alex Ligertwood und Tony Lindsay es doch mal wieder nicht lassen – und niemand, der sie kennt, wundert sich. Wie gewohnt packt Spielfreude die Musiker vor dem begeisterten heimischen Publikum, vor Freunden und Fans. So kommt zur Zugabe eine weitere Zugabe – und am Ende dauert das Konzert geschlagene eindreiviertel Stunden. Kürzer zwar als normal, aber weitaus länger als für diesen speziellen Abend geplant.

The Magic of Santana sind Gerd Schlüter (Gitarre), Andreas Rohde (Timbales, Percussion), Jürgen Pfitzinger (Congas, Percussion), Pablo Escayola (Congas, Percussion), Oliver Steinwede (Schlagzeug), Martin Hohmeier (Bass), Olli Schröder (Gitarre) und Jens Skwirblies (Hammond, Keyboards). Dazu die Special Guests Alex Ligertwood (Gitarre, Gesang) und Tony Lindsay (Gesang), die viele Jahre lang Mitglieder von Santana waren und die The Magic of Santana unter anderem auf der Spanien-Tour 2016 begleitet haben.

Es war – wie immer – ein magischer Abend. Wir schwebten… und es dauerte Stunden, bis meine Lieblingsfotografin und ich lange nach dem Genuss der neuen CD und zu reichlich fortgeschrittener Zeit wieder sanft auf der Erde landeten…

Alex Ligertwood
Tony Lindsay
Gerd Schlüter
Jürgen Pfitzinger
Andreas Rohde
Jens Skwirblies
Martin Hohmeier
Oliver Steinwede
Olli Schröder
Pablo Escayola (links)
Langjährige Santana-Sänger
Saitenweise Musik
Pecussion-Power

Sonntag, 5. Februar 2017

Santana – Corazón (2014)

"Corazón" (Herz) ist Carlos' erstes Album nahezu komplett in Spanisch. Nun, mir persönlich ist die Sprache relativ egal, solange die Musik gut ist, was durchweg der Fall ist. Einige Titel möchte ich jedoch herausheben.


"Oye 2014" bietet eine interessante Auffrischung des von Tito Puente geschriebenen Santana-Hits "Oye Como Va" (1970). Songsamples werden begleitet von Gesangs- und Rapeinlagen von Jovany Javier und Ximena Muñoz sowie einem neu eingespielten Gitarrensolo von Carlos. Den Mix (und auch diverse andere auf diesem Album) hat Tony Maserati erstellt. Auch das von Bob Marley stammende "Iron Lion Zion" wird teilweise gesampled. Anders das wehmütige "Una Noche En Nápoles" – im Original "Una Notte A Napoli" von Pink Martini – hier gesungen von Lila Downs, Niña Pastori und Soledad und begleitet von Carlos Santana mit einer 12-saitigen Akustikgitarre. Es erzählt von dieser traurig-schönen Nacht unter dem Mond und am Meer Neapels, in der ein Engel ihr Herz brach und sie im Himmel verließ. Das intensive "Yo Soy La Luz" (Ich bin das Licht) mit Wayne Shorter am Saxophon beginnt gefühlvoll und kulminiert mittendrin in einer wilden musikalischen Orgie. "I See Your Face" – ein kurzes Instrumental zum Abschluss – ist einfach eine berührende Liebeserklärung.

"Corazón" ist das letzte Album mit Raul Rekow. Er verlässt Santana im Sommer 2013 nach 37 Jahren. Am 1. November 2015 erliegt er im Alter von nur 61 Jahren einem Lungenkrebsleiden.

Sonntag, 8. Januar 2017

Santana Live At The Fillmore 2008

Eine ganze Reihe von Santana-Konzertmitschnitten ist mittlerweile neben den offiziellen DVDs erschienen, beispielsweise “Hammersmith ’76” vom 16. Dezember 1976 im Hammersmith Odeon in London, ”The Nagano Session” mit Jeff Beck und Steve Lukather vom 1. Juni 1986, “At Budokan – Live In Tokyo” vom 21. Mai 1991 oder ”At Udo Music Festival” in Shizuoka, Japan, vom 23. Juli 2006. Stellvertretend für diese und weitere sei “Live At The Fillmore” vom 20. und 21. Mai 2008 vorgestellt, weil Carlos Santana hier an seine alte Wirkungsstätte in San Francisco und gewissermaßen an den Geburtsort von Santana zurück kehrt.


Denn bis 1968 betreibt Bill Graham das Fillmore Auditorium in der Fillmore Street, Ecke Geary Boulevard. Hier nimmt er die Santana Blues Band unter seine Fittiche und fördert die jungen Musiker. Aufgrund von Rassenunruhen in der Nachbarschaft zieht er um und gründet das Fillmore West im ehemaligen Carousel Ballroom in der Market Street, Ecke South Van Ness Avenue. Dessen Ende 1971 zelebriert der langjährige Santana-Freund und Manager mit einem mehrtägigen Abschiedskonzert, von dem unter anderem das 3-LP-Set ”The Last Days Of Fillmore” zeugt. Darauf spielt Santana neben vielen anderen Bands wie den Grateful Dead, Jefferson Airplane, Hot Tuna, Quicksilver Messenger Service und It’s A Beautiful Day. Es ist auch ihr eigenes Abschiedskonzert, bevor die Originalbesetzung auseinander bricht.

1994 wird das sanierte Fillmore Auditorium in der Fillmore Street als The Fillmore wiedereröffnet. Dort also – unter mindestens acht imposanten Kronleuchtern – entsteht die vorliegende Aufnahme des Santana-Heimspiels. An ”The Last Days Of Fillmore” erinnern einige Takte des Songs ”Greensleeves”, die Carlos vor ”Smooth” seiner Gitarre entlockt. Das sentimentale ”Greensleeves” folgte damals nämlich als letzter Titel des Albums Bill Grahams “Goodbye”.

Die DVD ist ein sauberer Mitschnitt eines besonders stimmungsvollen Auftritts. Bild und Ton sind einwandfrei. Keine Extras, kein Brimborium, keine Gäste, allerdings auch lediglich spärliche Informationen. Einfach nur 94 Minuten mit feiner Musik zum Genießen. Und wenn man um die Bedeutung des Ortes für Carlos weiß und andere Details kennt, kann man erahnen, warum er ”I Love You Much Too Much” mit so besonders großer Inbrunst und offensichtlicher Rührung spielt – und im Anschluss ”Somewhere In Heaven”. Denn von dort schaut Bill Graham zu. ”I Love You Much Too Much” war einer seiner Lieblingstitel. Carlos hat ihn daher auch bei der Trauerfeier für seinen Freund nach dessen Hubschrauberabsturz 1991 gespielt.